Alleine unterwegs in Neuhausen

Einen Abend alleine zuhause zu verbringen, auf meinem Sofa sitzen, einen Film schauen und ein Glas Wein trinken, das mache ich gerne mal. Aber alleine in meiner Stadt essen gehen oder was trinken, das habe ich bisher noch nie gemacht. Es ist doch auch viel schöner, sich mit Freunden zu treffen und ganz gemütlich und in netter Runde gut zu essen und zu trinken. Oder? In TV-Serien und Hollywood-Filmen sieht man das ja immer mal wieder: eine junge, erfolgreiche und selbstsichere Frau, Typ Carrie Bradshaw, macht sich vor dem Spiegel hübsch. Nicht für einen Mann, sondern für die schillernde Metropole in der sie lebt. Sie geht mit einem bewundernswerten Selbstbewusstsein durch die Straßen der Stadt, sagt beim Betreten eines Lokals ohne einen Funken Unsicherheit in der Stimme, dass sie einen Tisch für eine Person möchte.

Ich musste 27 werden, um das mal auszuprobieren: einen Abend in der Großstadt verbringen, mit mir alleine, ganz bewusst.

Es war 16.28h als ich an diesem Dienstagnachmittag entschied, am Abend auszugehen. Nur mit mir. Meine Verabredung für den Abend war geplatzt, meine Lust, rauszugehen war noch da. Jetzt noch eine Freundin finden, die a) zwischen den Jahren überhaupt in der Stadt ist und b) so kurzfristig Zeit hat erschien mir als recht unwahrscheinlich. Außerdem wurde in mir eine Stimme laut, die fragte, ob es nach einem so ereignisreichen Jahr, wie ich es erlebt hatte, nicht auch zur Abwechslung mal schön wäre, mal ganz bewusst Zeit mit mir und nur mit mir zu verbringen. Ich dachte nach. Ja, das könnte schön sein. Ich entschied, das sollte der erste Abend sein, an dem ich mit mir selbst ausging. Geduscht und geschminkt ging es nun um die Outfitfrage. Die neuen goldenen Sneaker schrien danach, ausgeführt zu werden. Dazu eine dunkelblaue Jeans, ein weißes Shirt und der Lieblingsblazer. Also schön. Die warme Winterjacke drüber, Mütze auf und los.

Ich lief durch die Straßen der Gegend, in die ich im September erst gezogen war. Schon oft war ich hier entlang gelaufen, und doch: immer wieder ist es schön, immer wieder entdeckt man neue Dinge. Einen kleinen Laden, der mir bisher noch nicht aufgefallen war, einen neuen Weg, eine andere Straße, eine die auch zum Ziel führt. So lief ich die Nymphenburger Straße entlang, Richtung Rotkreuzplatz. Dort habe ich die letzten vier Jahre gewohnt, seit Studienbeginn. Heimisch fühlte ich mich seit Tag 1 – heimisch in der tollen WG und heimisch in diesem tollen Viertel Münchens. Neuhausen-Nymphenburg ist wunderschön. Es ist belebt, die unzählige kleinen, süßen Läden, Restaurants und Bars und der kleine Wochenmarkt locken die Leute an. Perfekt zum Einkaufen und Ausgehen! Damit nicht genug: der idyllische Hirschgarten ist nur einen Katzensprung weg und das Schloss Nymphenburg macht das gleichnamige Viertel zu einer Touristenattraktion. Es ist wirklich schön hier! Ein bisschen fehlt es mir, das morgendliche Joggen in dieser Ecke: vom Platz der Freiheit durch die belebten und doch ruhigen Seitenstraßen Neuhausens, den Schlosskanal entlang, eine Runde im wunderschönen Schlosspark, und dann den Schlosskanal auf der anderen Seite wieder lang, zurück nach Hause, zurück in die WG.

Mit Neuhausen-Nymphenburg verbinde ich unzählige schöne Erinnerungen. Als ich die Nymphenburger Straße entlang laufe, kommen die ersten in meinen Kopf. Bin ich mit dem Rad zur Uni gefahren, bin ich die Nymphenburger lang gefahren. Ich habe Lust auf Sushi, also gehe ich in unseren Stamm-Sushi-Laden, das Fuji. Es ist bereits 21h als ich ihn betrete, der Raum ist leer. Freie Tischwahl. Wie oft war ich mit meinen Mitbewohnern hier gewesen? Beim ersten Mal mochte ich Sushi, war aber noch kein riesen Fan. Heute liebe ich Sushi. „Yamanaka“ habe ich immer bestellt. Lachs-, Thunfisch- und Gurken-Röllchen. Inzwischen habe ich mehr ausprobiert und heute bestelle ich mir, was mir besonders gut schmeckt: California-Rolls, Inside-Out-Rolls mit Lachs, Avocado und Frischkäse. Dazu die altbewährten Lachs- und Gurken-Makis. Es ist lecker, aber trotzdem komisch hier alleine zu sitzen, ohne meine früheren Mitbewohner. Waren wir doch immer zusammen hier gewesen. Wenn es was zu feiern gab, etwa mein Einjähriges in der WG (ja, so etwas feiere ich!) oder weil einer von uns drei so im Lernstress war, dass er die Bücher mal für ein paar Stunden Bücher sein lassen musste. Ich merke, dass der kleine Laden ohne die Jungs nicht ansatzweise so warm und gemütlich ist. Ich fühle mich nicht so wohl wie sonst, und esse recht schnell, ganz unbewusst. Zwei Männer mittleren Alters kommen rein, bestellen, setzen sich an den Tisch vor mir. Sie unterhalten sich, sie lachen. Der Raum ist klein und außer uns drei sind keine weiteren Gäste da. Unweigerlich bekomme ich Gesprächsfetzen mit. Es ist mir unangenehm, wenn sie zu mir rüberschauen. Als müsste ich erklären, warum ich alleine hier bin, alleine zu Abend esse. Vielleicht beeile ich mich mit dem Essen und Bezahlen deshalb noch ein bisschen mehr. Dabei kann es mir doch eigentlich egal sein, was zwei wildfremde Menschen denken! Schade, dass das Alleinsein in der Gesellschaft auch heute noch recht selten und irgendwie noch negativ konnotiert ist. Nur weil man mal Zeit alleine verbringt, heißt das doch nicht, dass man alleine ist. Oder einsam. Ich finde, wir alle sollten öfter mal ein bisschen Zeit nur mit sich verbringen. Es tut gut.

Ich ziehe weiter. In unsere frühere Stammbar, das Ysenegger. Es ist voll und laut und schön warm. Ich suche mir einen kleinen Tisch an der Wand, ein gemütliches Plätzchen. Eine nette Kellnerin kommt herzlich lächelnd zu mir rüber, nimmt meine Bestellung auf. Es ist Happy Hour, und ich bin tatsächlich happy als ich den ersten Schluck von meinen XXL-Strawberry-Daiquiri nehme. 5,50€, für die ich in manchen Bars nicht mal einen Hugo bekomme. Ich blättere in einer Ausgabe des Münchner Merkur und verbinde mein Handy mit dem Wifi. Habe ich schon erwähnt, dass ich in meiner neuen Wohnung noch keinen Internetanschluss habe? Nachdem ich geschaut habe was es auf den Social Networks Neues gibt, lege ich das Handy weg und blicke mich um. Die Menschen um mich herum sind fröhlich, ausgelassen, sie haben Spaß. An einem großen, langen Tisch sehe ich eine Gruppe junger Menschen sitzen, ein Partyhütchen auf dem Kopf eines Mannes verrät, hier wird Geburtstag gefeiert. Ich denke an meine früheren Mitbewohner und an die Freunde, die ich über sie kennengelernt habe. Oft saßen wir hier, genau an dem Tisch, an dem gerade die Gruppe Geburtstag feiert. Wir saßen dort, aßen Burger und tranken Bier und Cocktails in der Happy Hour. Ich blicke rüber und sehe uns dort sitzen. An Martins Geburtstag, oder Hannes‘ Abschiedsparty ein paar Tage bevor er für ein Semester nach London ging. Es waren gute Zeiten. Wir haben Geschichten erzählt, gelacht und den ein oder anderen versauten Witz gemacht. Ich merke wie ich lächle. Während ich rüberschaue, ziehen die vergangenen Jahre an mir vorbei und ich werde ein wenig wehmütig. Es waren tolle Jahre.

Und doch bin ich sehr zufrieden damit, wie sich mein Leben entwickelt hat. Allein dieses Jahr war fantastisch! Ich war in Hamburg, habe dort ein Praktikum in der Text-Redaktion der NEON gemacht, war danach reisen, sechs Wochen durch die USA und Mexiko. Drei Wochen alleine durch Chicago, Los Angeles und San Francisco zu tingeln war aufregend und großartig. Danach drei Wochen mit meiner Cousine von Mexiko Stadt bis Cancún zu reisen, spontan sein, frei sein, fremde Menschen und fremde Kulturen kennenlernen. Und schon Sommer zu erleben, wenn in Deutschland gerade mal frühlingshafte Temperaturen herrschen. Das Wunderschöne am Reisen ist für mich, dass das Auge etwas zum ersten Mal erblickt. Wie damals als Kind. Alles ist neu. Wie die Welt über dieser U-Bahn-Station aussieht? Was mich hinter dieser Ecke erwartet? Wer weiß… Die Erfahrungen auf dieser Reise waren das Highlight meines Jahres, das war mein 2015. Ich nippe an meinem Daiquiri und schwelge in Erinnerungen. Im Sommer war ich wieder hier in München, habe die Arbeit am Set einer TV-Produktionsfirma kennengelernt und habe mit Glück meine kleine, süße neue Wohnung gefunden. Im August habe ich dann angefangen, meine Kisten zu packen und mein Nest zu bauen. Diese schöne, gemütliche, günstige Wohnung in bester Lage war ein echter Glücksgriff. Es ist jedes Mal ein tolles Gefühl, die Wohnungstür aufzuschließen – auch heute noch.

Was ich ebenfalls immer mit dem Jahr 2015 verbinden werde, sind die Worte „Dreams come true if you really want them to.“ Ich bekam die Zusage für einen Platz an der Burda Journalistenschule und werde in den kommenden zwei Jahren in der Redaktion der Zeitschrift „freundin“ zur Redakteurin ausgebildet. Lucky me! Diese eine E-Mail hat alles verändert, alles machte auf einmal Sinn. Mein ganzer beruflicher Werdegang, von Abi, Ausbildung, Studium bis hier her. Alles hat sich gelohnt.

Während ich der Kerze beim Flackern zuschaue und einen Schluck von meinem Drink nehme, denke ich, dass ich heute alles noch einmal genau so machen würde. Denn alles ist perfekt, so wie es ist. Ich habe meine Heimat nicht umsonst aufgegeben, denn ich bin hier in München angekommen. Ich hatte fabelhafte vier Jahre in meiner WG, und bin nun durch einen Zufall perfectly happy in meiner kleinen, süßen eigenen Wohnung. Ich habe beruflich das erreicht, was ich vor ein paar Jahren noch nicht einmal zu träumen wagte. Ich kann mich glücklich schätzen, dieses Leben zu leben. Glücklich und zufrieden schließe ich den Reißverschluss meiner Jacke, öffne die Tür, trete auf die Straße und mache mich auf den Heimweg.

Vielleicht ist gerade das Jahresende ein guter Zeitpunkt, um einen Abend lang mit sich und der Stadt zu verbringen. Zuhause vor dem Fernseher oder in geselliger Runde in der Bar wären mir diese Gedanken wohl nicht gekommen.

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3 Gedanken zu “Alleine unterwegs in Neuhausen

  1. Ein interessanter Bericht mit ganz neuen Blickwinkeln – und mutig. Allein zu sein wird einerseits von außen immer mit Argwohn betrachtet und irgendwie scheint es wirklich, wie du schreibst, in unserer Gesellschaft noch immer etwas zu sein. was „sich nicht gehört“. Andererseits ist es auch nicht einfach für einen selbst. Von innen heraus fühlt es sich auch komisch an, weil man obwohl man sich dazu entschieden hat, sich vielleicht doch dabei ertappt, etwas einsam zu sein in einem Moment. Deswegen mutig und schön, es zeugt von Stärke 🙂

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